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#010 - Frank Visser über Wilber - ohne Gegner kein ordentliches Tennismatch

In folgendem Clip, der auf You Tube erschienen ist und auf der Seite www.integralworld.net veröffentlicht wurde, äußert sich Wilbers wohl hartnäckigster Kritiker/Fan, der Holländer Frank Visser,  erstmals in einem Video- Interview zu dem eigenwilligen Verhältnis, das er zu ihm hat. 

Visser plädiert dafür, dass man jeden Satz von Wilber genau lesen und auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen müsse- gerade weil er sich zu so vielen aktuellen Themen geäußert und oft wertvolle Dinge gesagt habe, die aber auf der anderen Seite mit Ungenauigkeiten und allzu vagem Überblickswissen durchsetzt seien. Er fordert einen akademischen Diskurs ein, den Wilber in seiner Sicht bislang zu oft zu einfach ausgewichen sei. Die gerade stattfindende Konferenz über integrale Theorie sieht er als einen Schritt in die richtige Richtung.

Gegen Ende vergleicht er seine Internet-Gefechte mit Wilber mit einem Tennis-Match bei dem die beiden sich gewissermassen statt Bällen Theorien um die Ohren hauen. Am Ende gebe es einen Gewinner und einen Verlierer, aber ohne zwei echte Gegner gäbe es kein spannendes Match...

Autor: Dennis Wittrock - 06.08.2008

#009 - Wilber-Ulk in der US Comic-Serie "Family Guy"

Der schlaue Hund Brian - ein würdiger Dialogpartner für Wilber

Auszug aus Wikipedia:
Family Guy ist eine US-amerikanische Zeichentrickserie, die ab 1999 unter der Führung von Seth MacFarlane entstand. Die Serie dreht sich um das Leben der Familie Griffin in der fiktiven amerikanischen Kleinstadt Quahog, Rhode Island.

Handlung
Die Familie besteht aus dem Ehepaar Peter und Lois, ihren Kindern Meg und Chris, dem Baby Stewie sowie dem Hund Brian. Typisch für die Serie ist die teilweise bis ins Absurde getriebene Überzeichnung alltäglicher Probleme und ein vielschichtiger, oft sehr gewagter Humor. Häufig werden die Gags in Form kurzer Zwischensequenzen oder Rückblenden eingespielt. Auch Prominente, bekannte Fernsehserien oder andere Kulturreminiszenzen sind häufig Gegenstand von Parodien.

Brian
Brian ist zwar der Hund der Griffins, spricht und handelt jedoch wie ein Mensch. Er hockt manchmal bei gemeinsamen Fernsehabenden auf dem Boden, geht aber in aller Regel auf zwei Beinen. Er ist überdurchschnittlich intelligent und besitzt eine deutlich vornehmere und gewähltere Sprache als der Rest der Familie. In der Regel können die anderen Tiere der Serie nicht sprechen, soweit es nicht im Rahmen eines Gags notwendig ist. Insofern ist Brian eine außergewöhnliche Erscheinung, wird jedoch von allen anderen Charakteren wie ein ganz normaler Mensch behandelt.

Ähnlich wie bei "The Simpsons" bekommen hier Prominente oft eine Nebenrolle. In eben jener Serie sitzt Wilber, übertitelt mit "Intellectual Samurai" neben dem Hund Brian auf der Couch und stellt ihm Fragen im Kontext integraler Theorie. Brian guckt ziemlich unbeeindruckt. Besagter Clip ist bei YOU TUBE erschienen.

Will man mit integralen Ideen den amerikanischen Mainstream erobern, muss man scheinbar auch mal in einer Comic-Serie auftreten. Es bleibt nur zu hoffen, dass daraus auch mal ein öffentlicher Dialog entsteht und nicht nur ein Monolog, wie in dieser Szene.

Autor: Dennis Wittrock - 11.07.2008

#008 - Fanta 4 Rapper Thomas D. goes integral

Thomas D.

Die Fantastischen Vier sind eine der erfolgreichsten Hip-Hop Bands Deutschlands. Mit ihren originellen Reimen begeistern sie die Massen. Ein Mitglied dieser Band, Thomas D., verfolgt schon seit einigen Jahren immer wieder künstlerische Solo-Projekte (1997: "Solo", 2001:"Lektionen in Demut"), und lässt in seinen Texten deutlich eine spirituelle Haltung durchscheinen. Seit kurzem beschäftigt er sich offensichtlich auch mit der Arbeit von Ken Wilber. Auf seinem persönlichen Videopodcast ist kürzlich ein Video erschienen, in welchem er -sich selber filmend- auf dem Weg zu einem Auftritt der Fantastischen Vier im Auto das 12-stündige "Cosmic Consciousness" Wilber-Interview anhört. Man darf gespannt sein, wie sich seine Texte entwickeln - vielleicht kommen darin ja bald die 'Fantastischen Vier Quadranten' vor...

Link zu dem Videopodcast von Thomas D.

(interessant wird's ab Minute 2:37)

Autor: Dennis Wittrock - 02.06.2008

#007 Wilber über integrale Politik

Aus aktuellem Anlass der Präsidentschaftswahl in den USA gibt es auf dem Medienportal des Integralen Instituts, Integral Naked, zur Zeit ein Video von Ken Wilber, auf dem er die Prinzipien eines "integralen Dritten Weges" in der Politik skizziert, welcher die Nachteile des amerikanischen Zwei-Parteien-Systems überwinden helfen soll.

Das Video steht unter folgendem link kostenfrei zum Download bereit:

Video: Integral "Third-Way" Politics


es steht zudem als MP3-Version zur Verfügung

MP3: Integral "Third-Way" Politics

(So gehts: zum Speichern der Dateien den entsprechenden Link mit der rechten Maustaste anklicken, im daraufhin erscheinenden Kontextmenü "Ziel speichern unter..." anklicken, einen Speicherort auswählen und durch Klick auf "Speichern" herunterladen. )

 Autor: Dennis Wittrock - 26.05.2008

#006 Neurobiologie und Phänomenologie eines Schlaganfalls mit spiritueller Zustandserfahrung

TED | Talks | Jill Bolte Taylor: My stroke of insight (video) | click here to watch the video

Jill Bolte Taylor: "Mein Anfall der Einsicht" ("My Stroke of Insight")

- Zum Abspielen des Videos bitte auf den darunter stehenden Link klicken-

Wer Wilbers Modell der vier Quadranten kennt, bzw. sein Modell der "acht Zonen" (IMP), der kann folgendes bemerkenswertes Video auf eine sehr umfassende Weise verstehen. In der Beschreibung heißt es:"Jill Bolte Taylor hatte eine Gelegenheit, die sich nur wenige Hirnforscher wünschen würden: Eines morgens realisierte sie, dass sie einen massiven Schlaganfall hat. Als das geschah, fühlte sie wie ihre Hirnfunktionen nach und nach wegfielen, Sprache, Bewegung, Verstehen; sie studierte und erinnerte jeden Moment. Die ist eine kraftvolle Geschichte darüber, wie unsere Gehirne uns definieren und uns mit der Welt und einander verbinden."

'Auf AQAL' heißt das: hier werden der obere linke (OL) und der obere rechte Quadrant (OR) parallel betrachtet. In der Hirnforschung gibt es oftmals die Tendenz, den individuell-innerlichen Quadranten ("Ich", subjektiv) ganz treffend gesprochen 'links liegen' zu lassen und die Ergebnisse des oberen rechten Quadranten ("Es", objektiv) als "wirklich wirklich" zu betrachten. Was aber, wenn eine OR Spezialistin wie Jill Bolte Taylor ganz unmittelbar die Phänomenologie eines Schlaganfalls von innen heraus erlebt und beschreibt - dabei Bezug nehmend auf die Korrelate im oberen rechten Quadranten, dem Gehirn?

Und es kommt noch besser. Wenn nun die Phänomenologie des Schlaganfalls nicht nur einen schrittweisen Wegfall von Hirnfunktionen umfasst, sondern auch noch einen mystische Nahtodes-Erfahrung? Das ist mit Sicherheit zuviel für ihre Kollegen (sie mögen sagen: "Spektakuläre Geschichte, aber letztlich hat die Frau Taylor einen Hirnschaden davongetragen...").

Das Schöne an einer integralen Sicht ist, dass all das -das Innerliche und das Äußerliche, das profane und das mystisch-anrührende in Jill Bolte Taylors packender Schilderung einen Platz finden kann.  'Quadranten' und 'Zustände' sind vergleichsweise leblose Wegmarken auf einer Landkarte gegenüber der Lebendigkeit und Eindringlichkeit dieses Videos, doch das Bewusstsein, dass beide liebevoll halten kann ist der Raum in dem Geschichten wie diese eine tiefere Deutung und Würdigung erfahren können.

Autor: Dennis Wittrock - 19.05.2008

#005 Die Empfindung des Erhabenen - Spiritualität in der Kunst von Mark Rothko

Orange and Yellow, 1956

Wenn Spiritualität in der Moderne neben den drei Wertsphären Wissenschaft, Kunst und Moral nicht eigens ausdifferenziert, sondern vielmehr unterdrückt wurde - so Ken Wilber in "Integrale Spiritualität" - wohin ist dann das Bedürfnis die Fragen nach dem letzten Sinn der Dinge zu fragen verschoben worden? Wilber sagt weiter, dass die Wissenschaft ab diesem Zeitpunkt mit dem Anspruch überfrachtet worden sei, diese Fragen zu beantworten- was aufrichtige Wissenschaftler in agnostischr Weise verweigerten.

Aber auch in der Sphäre des Schönen, der Kunst, kann man eine Art Refugium für post-konventionelle Spiritualität sehen. Hier drückt sich der spirituelle Impuls häufig als Zustandserfahrung des "Erhabenen" aus. Hierfür steht wie bei kaum einem anderen Künstler der Moderne das Werk von Mark Rothko.

Seine Farbfeld-Kompositionen sind sehr bekannt und deren Reproduktionen im Poster-Format erfreuen sich großer Beliebtheit als Inneneinrichtungs- Accessoires. Man muss aber dazu sagen, dass die Farbflächen, die er auf seinen Leinwänden gestaltet hat ungleich größer als diese Abziehbildchen sind und daher den Betrachter viel stärker in den Bann ziehen - ja überwältigen können.

"Ich bin kein Abstraktionist. Mich interessiert nicht das Verhältnis von Farbe oder Form oder irgend so etwas", sagte Rothko zu seiner Arbeit. "Mich interessieren nur die grundlegenden menschlichen Emotionen: Tragödie, Ekstase, Schicksal … Die Tatsache, dass Leute zusammenbrechen und weinen, wenn sie mit meinen Bildern konfrontiert werden, zeigt, dass ich diese Gefühle kommunizieren kann … Die Leute, die vor meinen Bildern weinen, haben die gleiche religiöse Erfahrung wie ich, als ich sie gemalt habe.“

Wilbers Auffassung nach sind Kunstwerke Artefakte, denen die Intention und der Zustand des Künstlers aufgeprägt wurde. Auch Rothkos Bilder sind solche 'spirituellen Batterien' die eine Transmission des Künstlers in sich tragen. Bildliche pointing-out-instructions sozusagen.

Rothkos Kunst ist zur Zeit in der Hamburger Kunsthalle in einer großen Retrospektive zu sehen.

weitere Informationen:

Hamburger Kunsthalle (Ausstellung vom 16. Mai bis 14. September 2008)

NDR-News-Eintrag

 Wikipedia über Rothko

 National Gallery of Art, Washington

 

Autor: Dennis Wittrock - 16.05.2008

#004 Meditation in der Fussgängerzone

Da habe ich gerade selber noch an anderer Stelle den Sommer 2008 als integral-revolutionären "Summer of Transcendence and Inclusion" proklamiert und wilde Dinge wie Meditation in der Fussgängerzone visioniert, da erreichte mich über verschlungene Datenautobahnen - ich weiß nicht wie -  via email folgende Ankündigung:

"Stille in der Stadt"   -   öffentlich zusammen meditieren     

Jeder, der den Zustand der Stille in sich selbst kennt  ist eingeladen, diese Stille zusammen mit Anderen in den öffentlichen Raum einzubringen.      

Zum ersten Mal  am 16. Mai 2008 von 17:00 bis 17:30 h in München am Rindermarkt  (zwischen Marienplatz und Sendlingerstrasse).  

Bitte etwas vorher da sein, damit wir pünktlich um 17 Uhr anfangen können. Kissen, Stuhl, Matte  etc.  zum Sitzen selbst mitbringen    

Danach, den Sommer über, außer bei Regen,  jeden Freitag  zur selben Zeit.  

  Die  Orte  können sich ändern.  

Die aktuellen Treffpunkte sind auf der Website www.stille-in-der-stadt.de oder unter Tel: 089/ 97692477 zu erfahren. 

"Stille in der Stadt" ist eine politisch und konfessionell ungebundene Non-Profit-Initiative.    

 Für die Teilnahme gibt es nur eine Voraussetzung: still kommen - still sein -  still gehen.  

“Ganz im Geheimen sprachen der Weise und ich.   Ich bat ihn: Nenne mir die Geheimnisse der Welt.   Er sprach: Schweig ... und lass dir von der Stille die Geheimnisse der Welt erzählen."   - Rumi, Das Lied der Liebe

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Immer wieder erstaunlich, wie Ereignisse scheinbar auf unsichtbare Weise zusammenhängen.

Autor: Dennis Wittrock - 10.05.2008


#002 - Ken Wilber und das Verhältnis zum „New Age“

Viele kennen folgendes Phänomen: Geht man in eine beliebige, gut sortierte Buchhandlung und fragt nach den Büchern eines gewissen amerikanischen Philosophen (einer der meistübersetzten akademischen Autoren der Vereinigten Staaten) so wird man in einen Teil des Ladens geführt, in dem man nicht allzu gerne von seinem Chef, oder seinen nahen Verwandten gesehen werden will. Diese Erfahrung entspricht ganz grob gesprochen dem peinlichen Berührtsein, das manche von uns erfahren, wenn sie in einer Videothek die magische Linie überschreiten, die die gutbürgerliche Unterhaltung von wilden Sex-Orgien trennt. In der Buchhandlung ist es die Linie, die Romane, Koch- und Sachbücher von der Welt der Astrologie, der Lichtwesen, den Engels-Tarot-Karten, buddhistischen Bildbänden und Dalai-Lama-Glücks-Ratgebern trennt. Die Abteilung ist mit „Esoterik“ überschrieben. Den Verlagen ist es im Prinzip ziemlich wurscht - unter dem Strich müssen die Zahlen stimmen. Und das tun sie offenbar. Auch die Buchhändler sind pragmatisch. „Eine kurze Geschichte des Kosmos“ steht unter „Esoterik“. Wozu eine eigene Sektion „Integrales“ einrichten, wenn keiner danach fragt und darin auch nur wenige Bücher auftauchen würden?

Ich kann drei gute Gründe nennen: 1. „Aua.“, 2. „Autsch“, 3. „ Es tut mir in der Seele weh.“

Ich plädiere für eine neue Buchecke. Ich will das aber nicht nur subjektiv-innerlich, sondern auch werkimmanent in Bezug auf Ken Wilber begründen. Wilbers Werk wird von ihm selbst in fünf Phasen untergliedert. Phase I bezeichnet er als die „romantisch-jungianische Phase“. „Romantisch“, weil die Romantiker gerne zurück zum Naturzustand wollten und „jungianisch“, weil Jung stellvertretend für einen Aspekt dessen ist, was Wilber die „Prä-/Trans-Verwechslung" nennt. Diese korrigiert er in seinem eigenen Werk in der Phase II, was er prägnant in einem englischen Buchtitel ausdrückt: „Up from Eden“ – „Aufwärts von Eden“. Weil prä- und transrationale Aspekte unserer Psyche beide nicht-rational sind werden sie gerne in die selbe Kategorie gesteckt, was zur „Prä-/Trans-Verwechslung“ führt. Wir wollen ‚zurück’ ins kindliche Paradies, wieder ‚mit der Natur verschmelzen’, etc. Wilber weist nach, dass was wir als „unbewussten Himmel“ glorifizieren, im Prinzip eine „unbewusste Hölle“ ist, die wir im Prozess des Wachstums („aufwärts“) durch eine „bewusste Hölle“ und schließlich einen „bewussten Himmel“ ersetzen.

Wilbers Karriere begann im Umfeld der so genannten „transpersonalen Psychologie“. Nachdem er wesentliche Beiträge in diesem Feld erbracht hatte, wandte er sich ab einem gewissen Zeitpunkt von dieser Richtung ab und wollte nicht länger damit identifiziert werden. Für ihn war dieses Feld zu eng geworden – durch und durch mit einer hartnäckigen Prä-/Trans-Verwechslung verseucht und zu stark an zeitweilig veränderten Zuständen des Bewusstseins interessiert - im Gegensatz zur Entwicklung höherer Strukturen. Dem ganzen Feld hing und hängt der Ruf des „New Age“ nach, während Wilber sich spätestens seit „Eros, Kosmos, Logos“ (1995) darum bemühte ein neues philosophisches Fundament einer Welt-Philosophie zu legen – mit einer Sprache in deren Wortschatz die Begriffe „Entwicklung“ und „(Wachstums-) Hierarchie“ eine neue Heimstätte finden konnten, statt gänzlich tabu und gestrichen zu sein.

Seit 1995 also verfolgt Wilber eine Vision, die er zwar mit vielen großen Theoretikern teilt (Hegel, Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo, Jean Gebser), die aber bisher scheinbar noch nicht in die Verlagswelt, geschweige denn in die Buchläden vorgedrungen ist.

Man nehme z.B. den „Kösel-Verlag“, einen geschätzten und auch wohlwollenden Partner des IF. So leid es mir tut, der Untertitel von Wilbers neuestem Buch heißt im Original nun mal nicht Integrale Spiritualität - Spirituelle Intelligenz rettet die Welt“, sondern „Integrale Spiritualität – Eine verblüffend neue Rolle für Religion in der modernen und postmodernen Welt“. Das mit dem ' die Welt retten' steht da einfach so nicht – sexy Verkaufstitel hin oder her.

Als ich den Untertitel erfahren habe, war ich erstmal eine Woche lang stocksauer – sorry, aber es war so. Parallel versuchte ich nämlich gerade einen intellektuellen Spagat zu leisten, der mich beinahe wahnsinnig gemacht hat- ich versuchte in meiner Magisterarbeit im Fach Philosophie Wilber so zu zitieren, dass einem unbedarften Leser nicht gerade die Spiritualität mit den nackten Hintern ins Gesicht springt. Warum der Spagat? Ich wollte Wilbers brilliante Einsichten für das Feld der inter- und transdisziplinären Wissenschaftskooperationen nutzbar machen. Dafür braucht man nicht unbedingt „Nondualität“, „Satori“ und das „Zeugenbewusstsein“ zu erwähnen. Quadranten, Zonen und ein paar Ebenen reichen völlig aus. Zuviel Spiritualität am falschen Ort schadet nur. Ende vom Lied war, dass ich aus der deutschen Ausgabe nicht mehr zitieren mochte – andernfalls hätte im Literaturverzeichnis stehen müssen, dass Herr Wilber mit „spiritueller Intelligenz die Welt rettet.“ Das wollte ich meinen Gutachtern nicht zumuten. Mit esoterischen Titeln im Gepäck buhlt es sich schlecht um intellektuelle Glaubwürdigkeit.

Hier also mein Plädoyer: Leute, schreibt bitte viele, viele integrale Bücher, die ‚zu kopfig’ für die Eso-Ecke sind, so dass die Buchhändler eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages eine neue Buchecke einweihen müssen.

Autor: Dennis Wittrock - 06.05.2008


#001 - Eine Furche im Sand: 10 Jahre AK/IF

2008 ist ein denkwürdiges Jahr.

Vor 10 Jahren bildete sich der erste "Arbeitskreis Ken Wilber" heraus, die Vorläuferversion des "Integralen Forums", das 2006 ein eigenständiger Verein wurde.

Und in der Presse kann man verfolgen wie sich die historischen Rückblicke auf das Jahr 1968 häufen: 40 Jahre seit der ersten globalen Blüte des grünen Memes, des Postmodernismus mit allen seinen revolutionären Errungenschaften (und auch mit allen seinen Missverständnissen, siehe Wilbers Roman "Boomeritis").

Ken verwendet häufig das Bild des Grand Canyons, um zu illustrieren, wie die Bewusstseinsstrukturen kosmische Gewohnheiten ("cosmic carma") hinterlassen, die sich quasi ins Bewusstseinsgestein der Menschheit fräsen. In diesem Bild ist die archaische Bewußtseinsstruktur, bzw. "beige" ganz am Boden des Grand Canyons, d.h. die am tiefsten eingeprägte Struktur, während die darauf folgenden Stufen immer ein Stückchen jünger und weniger determiniert sind.

Wenn man sich vorstellt, dass so ein Canyon 200 Meter tief ist, dann reicht das Stammes- und Kriegerbewusstsein, sowie die mythisch-fundamentalistische Struktur (Magenta, Rot und Bernstein) etwa von 170 bis 30 Meter Tiefe. Dann kommt das moderne Bewusstsein der Aufklärer (orange), welches zwar schon relativ tief ist, aber immer noch Spielraum in der Ausdeutung ("kosmische Kreativität") hat. Diesen Spielraum füllen momentan z.B. alle Schwellenländer der "2. Welt", die in den Prozess der marktwirtschaftlichen Industrialisierung eintreten, auf ihre eigene Weise aus.

Klettert man noch höher, so kommt man zu einer "grünen" Schicht, die nur wenige Meter unterhalb des Klippenrandes liegt. 40 Jahre Postmodernismus und "Aufklärung der Aufklärung" haben einige kosmische Gewohnheiten eingravieren können, haben aber immer noch mehr Spielraum als die erste Welle der Aufklärer der Moderne.

Gehen wir zum Rand der Klippe, so wird das Gestein immer weicher und unbestimmter. Wir finden hier und dort Furchen im Sand, die vielleicht 10-20 Zentimeter tief sind. Die müssen irgendwelche Menschen mit einem integralen Bewusstsein (petrol)  hinterlassen haben. Menschen wie wir.

Und wenn wir schließlich diese Furche selber aufmerksam betrachten, können wir darin vage noch feinere Muster erkennen: wunderschöne Strukturen von fraktaler Komplexität, Spuren der holisitsch-integralen (türkisen) Struktur.

Ich finde diese Bild ehrfurchgebietend. Zum einen, weil dieser Canyon einfach riesig ist und man in schwindelerregender Tiefe bis auf die Grundlagen seines Menschseins blicken kann, in 200 Meter Tiefe. Zum anderen, weil ich und du (als Leser dieser speziellen Webseite) ziemlich sicher ganz dort oben am Rand der Klippe stehen- mit einer Schaufel in der Hand.

Nach 10 Jahren Schaufeln kann man schon ein paar erste Furchen im Sand sehen - weltweit. Das ist ermutigend. Und dann blickt man hinunter und sieht, wie mächtig und tief alleine die mythische Struktur eingraviert ist. Das ist entmutigend.

Heben wir also den Kopf in Richtung Licht, blicken wir in den gleißenden Schein der Sonne des GEISTES und tun von diesem Ort aus was zu tun ist. 

Lasst uns gemeinsam dieses kostbare Sandmandala kreiieren.

Autor: Dennis Wittrock - 23.04.2008

 

Hier bloggen die Redakteure der IF Webseite und des Magazins "integrale perspektiven"

("Blog" ist eine Abkürzung für "Web-Log", bzw. für Internet-Logbuch)

Hinweis:

Die in diesem Blog vertretenen Ansichten geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder und sind nicht zwangsläufig deckungsgleich mit den Ansichten des "Integrales   Forum e.V.".