Es hat, auf der Grundlage der umfassenden Methodologie (Vier Quadrantenmodell: Aqual) Ken Wilbers, ein schöpferisches Integrationsmodell entwickelt, das neue ganzheitliche Perspektiven therapeutischer, gesellschaftlicher wie spiritueller Erkenntnis und Heilung eröffnet. Angesichts globaler Verwerfungen und weltpolitischer Veränderungen wird überdeutlich, dass wir lernen müssen, fühlbare Verbindungen zwischen unseren Angst, Haß- und Ohnmachtsräumen und der Erfahrung der geistig-materiellen Einheit alles Lebendigen herzustellen. Erst dann entsteht eine holistisch-in tegrale Matrix, die eine persönliche wie gesellschaftliche humane Evolution auf allen Ebenen (Natur, Körper, Seele, Geist,) zu entfalten imstande ist.
Im Februar 2003 hob der Referent die Gruppe in München aus der Taufe. Begonnen wurde mit sechs Mitgliedern, zur Hälfte Frauen, in einem bis heute beibehaltenen ck. fünfwöchigen Turnus für jeweils zwei Stunden am Abend.
Im Laufe der kommenden Jahre machte die Gruppe verschiedene Metamorphosen durch;- angefangen bei der Zahl der Teilnehmer, die im Lauf der Zeit zwischen maximal zwölf und minimal vier hin und herpendelte. Heute umfaßt sie wieder wie zu Beginn sechs Leute. Diese kommen und kamen aus unterschiedlichsten Bereichen: Therapie, Wirtschaft, Design, Sozialarbeit, Hausfrauenschaft, Ökologie, Pädagogik. Interessanterweise hatten wir zu keiner Zeit unter Frauenmangel zu leiden. Das Wissen um die Schriften Wilbers hielt sich bei vielen in Grenzen.
Inhaltlich gab es mehrere Zäsuren. Die erste war der Beginn des Irakkrieges; diese Tatsache bewegte uns stark und gab immer wieder Anlaß über die Fragen kriegerischer Agression nicht nur in der Weltpolitik sondern bei einem selber intensiv nachzuschauen. Vorausgaben waren Körperarbeit, freie Assoziationen und Reflexionen zum eigenen Verständnis von Frieden; das hieß unter anderem die Spannweite im Aqual zwischen OL und UR, zwischen persönlich empfundener Ohnmacht, dem Schwanken zwischen Hass und Agressivität im Angesicht gegebener weltpolitischer Machtstrukturen auszuhalten. Wie weit war Zeugenbewusstsein möglich? Oder war es eigentlich zu wenig? Nicht einfach zu beantwortende Fragen. Aus solchen Thematiken entwickelte der Autor später ein erstes Curriculum zu integraler Friedensarbeit.
Eine spannende Erweiterung und Veränderung des Focus brachte die Teilnahme eines hochreflektierten Dozenten von der Hochschule der Künste in München. Er war mit Wilbers Schriften teilweise gut vertraut und zeigte eigenes Augenmaß. Da die Gruppe sich auch örtlich - in München- veränderte, die Sitzungen fanden für längere Zeit im Büro des Dozenten statt, zeigte sich dieser Wechsel gleichnishaft als einer weg von der Politik hin zur Kunst. Der Themenbereich Komplexität und Einfachheit trat in den Vordergrund- mit Schwerpunkt Medienkunst. Auch der Zusammenhang von Kunst und Spiritualität wurde angesprochen. In dieser Zeit wurde deutlich, wie stark und und in vieler Hinsicht fruchtbar die Teilnehmer zwischen wilberschen Grundannahmen und persönlichen Integralanschauungen hin und herpendelten. Die unterschwellige Wahrnehmung lautete: ‘Wir sind selber das Experiment, dass wir durchführen’. Diese Wahrheit führte in manchen Momenten zu intensiven Spannungen, starken Einsichten in die Dynamik der verschiedenen Bewusstseinsstufen, aus denen heraus gedacht, gehandelt, gestritten wurde; schließlich traten in dieser Phase auch zwei Mitglieder aus der Gruppe aus. Ein immer strittiger Punkt war die Frage, wie offen, bzw. wie ‘vorsätzlich’ sollte mit den Wilberschen Schriften umgegangen werden. Wir arbeiteten in dieser Zeit mit Verknüpfungen von Wilbers Gedankengut zur Kunst (das Wahre, Gute und Schöne) und Einblicken in den harten Alltag einer Kunstakademie und ihrer Studenten und Professoren, für die die Frage einer Verbindung von Kunst und Spiritualität zumeist eben gar keine solche ist. In unseren Dialogen spiegelte sich deutlich der Unterschied zwischen männlicher bzw. weiblicher Anschauungs- und Sprachform. (mehr rational oder emotional-intuitiv) wider.
Nach dieser sehr dichten Zeit verschob sich der Treffpunkt von der Stadt zum Land (Weilheim), da einer der Teilnehmer dort seine schönen Arbeitsräume zur Verfügung stellte. Neue Mitglieder stellten sich ein, mehr oder minder nun aus dem Landkreis Oberbayern. Auf Grund der Anwesenheit mehrerer Therapeuten verändert sich der Themenschwerpunkt ein weiteres Mal- hin zu Methoden des Focusing, Bewegung, Meditation, achtsamer Kommunikation und klar strukturierten Kurzeinführungen zu Wilbers Kernaussagen. Letztere werden mit den Arbeits- und Lebenserfahrungen der einzelnen Teilnehmer kontrastiert. Ökologische Fragen gewannen an Bedeutung; ein Teilnehmer hatte hierzu schon ein Buch herausgebracht. Bewußtseinstufen und Weltbilder werden an Hand eines Werkes der amerikanischen Buddhistin und Tiefenökologie Joanna Macy, die Wilber gut kennt, diskutiert; damit auch das Problem expliziter Werthaltungen bzw. wertfreier Haltungen (Thema Klimakatastrophen). Es kam teilweise zu scharfen Gegensätzen. Die Teilnahme eines Leiterpaares einer sozialpsychologischen Einrichtung mit starken Abgrenzungstendenzen (Tenor: Wilber bringt in der Praxis nichts, was wir nicht schon kennen.) brachte die Gruppe zeitweilig in eine gewisse Agonie, die erst mit dem vorzeitigem Abgang des Paares überwunden wurde.
Der Weg, über die Kunst spirituelle Wahrnehmungrn zu vertiefen, erwies sich immer wieder als besonders fruchtbar: ob es sich um Dokumentationen des Land Art Künstlers Andy Goldworthy handelte oder um die Begehung eines ganz in violett ausgeschlagenen Kunstraumes, in dem auf einer Leinwand der Begründer der amerikanischen Minimal Art als Pianist zu sehen ist, dessen repetitive Musik den Raum in eine trancehaft luzide Schwingung zu versetzen vermochte, die eine tiefe meditative Stille und Kraft hervorbrachte.
Eine letzte Veränderung (bis heute) brachte die nach längeren Spannungen zwischen den beiden Leitern der Gruppe gefällte Entscheidung, auf Führung im üblichen Sinne ganz zu verzichten; jeder Einzelne bringt seine Themen ein, entwickelt sie, und wo nötig, wird ein von allen bestimmter Moderator für eine Sitzung der Gruppe ausgewählt. Ein wichtiger Schritt in Richtung Selbständigkeit.
Mit dem Film: ‚What the bleep do we know’ begann dieser neue Lebensabschnitt der Gruppe. Thema hier: was bedeutet Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Grenzen und Möglichkeiten an Hand von Wilbers Kritik an diesem Film.
Wichtigstes ‚materielles’ Resultat der vierjährigen Arbeit ist die auf Initiative des Autors entstandene Gründung des Instituts für integrale Entwicklung /IiE, ( dem zwei Teilnehmer des Arbeitskreises als Gründungsmitglieder angehören. Ziel des IiE ist es, die Wirklichkeit des Integrals in Seminaren, Vorträgen und Weiterbildungen zu entwickeln und Menschen in einem experimentellen Prozess darin zu involvieren. Anders ausgedrückt: Formen integraler transformatorischer Praxis auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Realitäten zu entfalten.
Peter Erlenwein