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Erschienen in stark gekürzter Form in connection 3/2002 unter:
Der große Bewußtseinssprung. Ken Wilber's Denkansatz könnte Spiritualität, Wissenschaft und politisches Handeln revolutionieren.

Von Grün nach Gelb

Von Max Peschek

Für die Mehrzahl der Bewohner des grün-alternativ-esoterischen Milieus (die 'kulturell Kreativen') steht ein Quantensprung im Bewußtsein an, der im neuesten Werk von Ken Wilber - Ganzheitlich Handeln - beschrieben wird: Über Selbstverwirklichung, Toleranz, und Ökologie hinaus zu einer integralen Perspektive, die Körper, Gefühl, alle Bewußtseinsebenen und Spiritualität umfaßt, zu Einheit in der Vielfalt, zu einer noch tieferen Anteilnahme an der Welt.

Übersicht:

Alle Quadranten, Alle Ebenen

Ken Wilber wird gelegentlich als einer der "umfassendsten philosophischen Denker unserer Zeit" bzw. als "führender integrativer Denker der Postmoderne" bezeichnet. Ihm gelang es, in einer Reihe vielbeachteter Bücher die Verbindung westlicher Modelle der Entwicklungspsychologie mit Stufen östlicher spiritueller Entwicklung herzustellen, und er konnte aufzeigen, wie sie sich gegenseitig ergänzen und bedingen. Wilber's Arbeit ist wie ein Landkarte, eine integrale Sichtweise der modernen und postmodernen Welt, eine Vision, die das Beste alter Weisheit mit dem Besten moderner Erkenntnis verbindet, eine integrale Psychologie, die das Transpersonale mit einschließt.

Sein 'Alle Quadranten, Alle Ebenen' - Ansatz ist die zur Zeit umfassendste Landkarte für Bewußtseinsentwicklung, sowohl individuell als auch kollektiv . Die vier Quadranten bezeichnen die grundlegendsten Dimensionen des Kosmos, nämlich das Innere und Äußere von Individuen und Kollektiven (vgl. Abbildung 1). Das gesamte Spektrum des Bewußtseins umfaßt mehrere Entwicklungsebenen, von Körper, Emotion über selbstreflexivem Geist ('mind') zu Seele und GEIST ('spirit'). Wilber entwickelte dieses Modell aus dem Studium der verschiedenen Entwicklungsmodelle der Menschheit. Er fand heraus, daß sich alle Modelle einem der vier Quadranten zuordnen lassen, und daß die Quadranten sich auch gegenseitig bedingen.

Durch diese Ebenen laufen Entwicklungslinien: Kognitiv, moralisch, emotional, sprachlich, kinästhetisch, zwischenmenschlich, weltanschaulich, mathematisch/ logisch, spirituell u.a. (vgl. Abbildung 2). Diese Linien entwickeln sich relativ unabhängig voneinander, so daß ein Individuum kognitiv sehr hoch entwickelt sein kann, kinästhetisch mittelmäßig, und moralisch weit zurückgeblieben. Das Selbst versteht Wilber als organisierende Kraft, welches die verschiedenen Ebenen, Zustände, Linien und Quadranten zu etwas Einheitlichem organisiert, und sich jeweils mit einer bestimmten Ebene identifiziert, bis es sich durch Differenzierung und Integration auf einer höheren Ebene wiederfindet (zunächst identifizieren wir uns mit bzw. empfinden wir uns als Körper, dann Gefühl, dann Intellekt, später unbewegter Zeuge usw.).

Spiral-Dynamik

Basierend auf einer Vielzahl entwicklungspsychologischer Studien geht Wilber davon aus, daß Bewußtsein sich in einer Folge von aufeinander aufbauenden Stufen oder Wellen entwickelt. Neben seiner eigenen Stufenfolge nimmt das Spiral-Dynamik Modell von Clare Graves, weiterentwickelt durch Don Beck und Christopher Cowan einen wichtigen Platz ein (vgl. Abbildungen 3 und 4). Spiral-Dynamik beschreibt menschliche Entwicklung durch acht aufeinander aufbauende Stufen, die 'Mem' genannt werden. Ein Mem ist eine grundlegende Entwicklungsstufe, die in jeder beliebigen Aktivität zum Ausdruck kommen kann; ein Kern-Werte-System, eine Weltsicht, ein organisierendes Prinzip, welches Denken, Entscheidungen und kulturellen Ausdruck prägt. Als Menschen tragen wir das Potential für alle Meme in uns. Wie auch andere Modelle von Entwicklungsstufen beruht Spiral-Dynamik auf langjährige Forschung und umfangreichem Datenmaterial (Überprüfung bei über fünfzigtausend Menschen der ersten, zweiten und dritten Welt).

Die ersten sechs Meme beschreiben 'Subsistenzebenen', 'Denken des ersten Ranges'; danach kommt es zu einer revolutionären Verschiebung des Bewußtseins: Das Auftauchen von 'Seinsebenen', 'Denken des zweiten Ranges', in dem bisher zwei Meme bekannt sind. Die Meme sind mit Farben benannt, um Bezüge zu politischen Richtungen zu vermeiden (was für USA gelingt, für Europa jedoch nur bedingt anwendbar ist, weil gerade grüne Politik am ehesten die Strömungen von Grün verkörpert).

Die Wellen können etwa folgendermaßen beschrieben werden, mit dem Prozentanteil der Weltbevölkerung an jeder Welle:

1. Beige: Archaisch-instinktiv

Die Ebene des Überlebens: Nahrung, Wasser, Wärme, Sex, Sicherheit. Überlebensbanden. 0,1% der erwachsenen Menschheit.

2. Purpur: Magisch-animistisch

Animistisches Denken, magische Geister, Gut und Böse. Ethnische Stämme. 10% der Menschheit.

3. Rot: Götter der Macht

Erstes Erheben eines vom Stamm getrennten Selbst: Machtvoll, impulsiv, egozentrisch, heroisch. Archetypische Göttinnen und Götter. Feudale Imperien, Macht und Ruhm. 5% der Menschheit.

4. Blau: Mythische Ordnung

Das Leben hat Sinn und Richtung, bestimmt durch einen allmächtigen Anderen oder einer Ordnung. Traditionalisten; Betonung von Familie und Religion, Mißtrauen gegenüber Veränderungen, Probleme mit der Komplexität der Welt. Klare, starre moralische Regeln. Antike Nationen; konventionell und konformistisch. 40% der Menschheit.

5. Orange: Wissenschaftliche Errungenschaften

Das Selbst entflieht der Herdenmentalität von Blau und sucht Wahrheit und Sinn auf individualistischem und wissenschaftlichem Weg. Modernisten; die Welt ist eine rationale Maschine mit natürlichen Gesetzen, die erlernbar und benutzbar sind. Leistungsorientiert, materialistisch. Moderner Staat. Orange bildet die erste weltzentrische, postkonventionelle Entwicklungswelle. 30% der Menschheit.

6. Grün: Das empfindsame Selbst

Wertschätzung von Beziehungen und ökologischer Lebensweise, engagierte Teilnahme an der Welt. 'Kulturell Kreative'; Netzwerke, Gaia. Antihierarchisch, egalitär; soziale Konstruktion der Realität. Wertegemeinschaften (d.h. frei gewählte Zusammenschlüsse auf der Grundlage geteilter Einstellungen); Pluralismus. Tiefenökologie, Postmoderne, Humanistische Psychologie, Feminismus, Transformation der Geschlechterrollen, Greenpeace. Spirituelle Selbstverwirklichung, Offenheit für fremde Kulturen. 10% der Menschheit.

Mit der Vollendung von Grün steht das menschliche Bewußtsein vor dem Sprung in das Denken des zweiten Ranges (wobei unter 'Denken' hier eine komplette Weltsicht, ein Welterleben verstanden wird, nicht nur die intellektuelle Funktion), in dem erstmals das ganze Spektrum der inneren Entwicklung erkannt und genutzt werden kann, je nachdem, wie die Umstände es erfordern: In Notfällen rote Kraft, bei Chaos blaue Ordnung, bei der Suche nach Arbeit oranger Leistungswille, in Beziehungen grüne Verbundenheit.

Jede Welle ist ein fundamentaler Bestandteil aller folgenden Wellen, und muß daher gewürdigt und umarmt werden; alle Ebenen haben wertvolles und wichtiges beizutragen. Im Denken des ersten Ranges bekämpfen die Meme sich gegenseitig: rote Fundamentalisten bekämpfen orangen Imperialismus; blaue mythische Gläubige bleiben für orange wissenschaftliche Argumentation unzugänglich; orange Aggression bleibt unbeeindruckt von grüner Verbundenheit und bekämpft blaue Herdenmentalität; grüner pluralistischer Relativismus bekämpft orangen Materialismus, sowie gelbe und türkise Integration, und damit den Übergang zum Denken des zweiten Ranges.

Spiral-Dynamik zieht damit die Spannungslinien zwischen Menschen neu: Nicht basierend auf Hautfarbe, Klasse, Geschlecht oder politischer Vorliebe, sondern der Typ von Mem, aus dem ein Mensch handelt, ist entscheidend. Es geht nicht mehr um 'Typen von Menschen', sondern um 'Typen in Menschen', nicht mehr um Schwarz oder Gelb gegen Weiß, sondern stattdessen um Orange und Grün gegen Blau.

Am Beispiel der Wiedervereinigung Deutschlands: Als Ergebnis des kalten Krieges fiel Ostdeutschland unter die Herrschaft einer blauen 'alten Nation'; Westdeutschland entwickelte sich zu einem orangefarbenen Staat mit starken grünen Elementen weiter. Das Problem der Wiedervereinigung war also überwiegend ein vertikales Aufeinanderprallen verschiedener Meme.

Die Ebenen des zweiten Ranges:

7. Gelb: Integrativ

Leben besteht aus Holarchien; Flexibilität, Spontaneität und Funktionalität haben Priorität. Egalitäre Strömungen sind gepaart mit natürlichen Rang-Ebenen. Gutes Regieren ermöglicht den Menschen das Aufsteigen in der Spirale. 1% der Menschheit.

8. Türkis: Holistisch

Universelles holistisches System; Vereinigung von Gefühl und Verstand; viele Ebenen zu einem bewußten System verwoben. Auftauchen von Spiritualität. 0,1% der Menschheit.

Grün, Gelb und Türkis entsprechen im Wilber'schen System der frühen, mittleren und späten Schau-Logik, schließen also noch keine transpersonalen Ebenen mit ein; diese bezeichnet Wilber als Denken des dritten Ranges.

Das in den letzten drei Jahrzehnten in der westlichen Welt auftauchende Mem war Grün: Pluralistisch, relativistisch, multikulturell, dekonstruktivistisch, antihierarchisch usw. Einerseits hat Grün dazu geführt, daß Minderheiten gehört werden, soziale Ungerechtigkeiten angeprangert wurden, patriarchale, sexistische und kolonialistische Praktiken von Blau und Orange bekämpft wurden.

Gerade weil jedoch das grüne Mem Pluralismus, Egalitarismus und Multikulturalismus so betont, kann es nicht mehr sehen, daß diese Weltschau eine seltene, kostbare und elitäre Weltschau ist. Das grüne Mem negiert daher zum einen aggressiv alle Ebenen, die zu Grün geführt haben, und bekämpft - auf der anderen Seite des Bewußtseinsspektrums - alle Meme, die über Grün hinausführen, weil ja alle Meme, egal wie seicht oder narzißtisch, gleich sein sollen und ein Urteil über eine Rangordnung nicht erlaubt ist. Dieser Auffassung liegt die mangelnde Unterscheidung zwischen Herrschaftshierarchien und Verwirklichungshierarchien zugrunde; erstere sind Unterdrückungsmechanismen, letztere notwendig für die Entfaltung von Individuen und Kulturen. Wenn Grün gegen Blau und Orange kämpft, zerstört es seine eigenen Grundlagen.

Der wichtigste Punkt aber ist die positive Bedeutung vom grünen Mem: Von hier aus nämlich kann erst Denken des zweiten Ranges entstehen, und die Sensibilität für Pluralismus ist das Geschenk von Grün, so wie jedes Mem einen wertvollen Beitrag zur Gesundheit der gesamten Spirale leistet. Die heute lebende Generation der Erwachsenen in den Industrieländern ist die erste, die sich in signifikantem Ausmaß zu Grün entwickelt hat, und ist damit in der Lage, den Sprung in Denken des zweiten Ranges zu schaffen, und diese Bewußtheit zu nutzen um soziale Organisationen und Institutionen in einer integralen Weise neu zu organisieren. Die 'kulturell Kreativen' (Grün), nach Paul Ray neben den Traditionalisten (Blau) und Modernisten (Orange) seit dreißig Jahren die dritte Kraft, sind in der Lage, eine integrale Kultur zu erschaffen. Die zentrale Frage am Anfang eines neuen Jahrtausends ist daher: Werden wir im grünen Mem steckenbleiben, mit seinen wunderbaren Beiträgen und Pathologien, oder wird uns der Sprung zum Denken des zweiten Ranges gelingen?

Persönlichkeitsentwicklung

Für Reisende in unwegsamen Gelände gibt es generell vier wichtige Fragen:

Wo bin ich? Wo will ich hin? Gibt es eine Landkarte und/oder einen geländekundigen Führer? Wie komme ich von A nach B? - Übertragen auf Sprial-Dynamik bedeutet das: In welchem Mem befinden wir uns? Wie können wir den Weg freiräumen für den Aufstieg in ein höheres Mem?

Bisher kann niemand wirklich erklären, wie in der Evolution höhere Stufen aus niederen hervorgehen, oder was Bewußtsein wirklich ist. Die derzeit plausibelste Erklärung ist die Annahme, daß es eine Kraft gibt ('Eros'), die sich in und durch uns und in allen Lebewesen entfalten will um sich letztendlich selbst zu erkennen. Dieser Kraft den Weg freizuräumen ist die Essenz spiritueller und therapeutischer Heilungs- und Wachstumswege. Dieser Kraft den Weg zu ebnen mit geeigneten Rahmenbedingungen, dem reinen Bewußtsein zu ermöglichen, sich in aufsteigender Folge mit verschiedenen Ebenen oder Memen zu identifizieren und sich wieder zu lösen, das ist die Kunst der Transformation, die es (neu) zu erlernen gilt.

Wilber postuliert die Existenz eines Selbst-Systems, welches bei geeigneten Rahmenbedingungen allmählich von Ebene zu Ebene nach oben steigt. Das Ich-Empfinden ist die Identifizierung des Selbst-Systems mit einer Ebene (Körper-Ich, emotionales Ich, rationales Ich, …); alle Ebenen darunter werden als 'mein' empfunden. Persönlichkeits- oder Bewußtseinsentwicklung wäre damit die fortschreitende Identifizierung mit höheren Ebenen des Bewußtseins durch Transformation (vertikal), und Ausbreitung auf einer jeweiligen Ebene in allen Quadranten durch Translation (horizontal).

Jede Welle, jede Ebene will gekostet, der Hunger gestillt sein, bevor weiteres Suchen interessant wird. Haben wir uns auf einer Ebene innerlich und äußerlich hinreichend etabliert, ist der Hunger gestillt, entsteht Dissonanz: Eine neue Welle will emergieren, hervortreten, und wir fühlen uns hin- und hergerissen zwischen alter und neuer Welle. An einem bestimmten Punkt, wenn die Bereitschaft zur Ent-Identifikation wächst, entsteht Einsicht in das, was passiert, durch Innenschau, Gespräche mit Freunden, Therapie, Meditation, und schließlich erscheint die Öffnung für eine neue Welle des Bewußtseins.

Integrale Transformative Praxis

Was wäre ein effizientes Verfahren, um Transformation und Translation zu begünstigen? Mit Michael Murphy geht Wilber davon aus, daß eine integrale spirituelle Praxis Körper und Geist auf jeder Stufe der Evolution gleiche Bedeutung einräumen muß. Auf keiner Ebene der menschlichen Entwicklung kann man das eine ohne das andere haben, so daß man beides bewußt und mit gleicher Intensität betreiben muß.

Rückblickend auf die ersten beiden 'Wellen' des Human Potential Movement (schnell zu einer Gipfelerfahrung, die aber nicht vorhält, bzw. stetige Übung in einer isolierten Entwicklungslinie) stellt Wilber fest, daß nach dem heutigen Stand des Wissens Integrale Praxis, d.h. stetige Übung in vielen Entwicklungslinien die brauchbarste Möglichkeit für Transformation darstellt.

Die Grundidee integraler Praxis ist folgende: Auf allen Ebenen und aus jedem Quadranten eine (oder mehrere) Praktiken auswählen, und diese stetig und parallel auszuüben. Je mehr Aspekte unseres Seins gleichzeitig entwickelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß Transformation stattfindet. Eine Praxis, die alle Quadranten und alle Ebenen einbezieht, beinhaltet die physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Ebenen in Selbst, Kultur und Natur: Physische Praxis, z.B. Yoga, Joggen, bewußte Ernährung, Hanteltraining; emotionale Praxis, z.B. Qi Gong, Beratung, Psychotherapie; mentale Praxis, z.B. Visualisierung, Affirmation; spirituelle Praxis, z.B. Meditation oder Kontemplation.

Diese Wellen werden aber nicht nur im Selbst entwickelt, sondern auch in Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur. Das könnte bedeuten: Arbeit in der Hospiz-Bewegung, in lokaler Politik, in Beziehungen zu Freunden, Lebensgefährten, Kindern; ökologisches Engagement, rechter Lebenserwerb, Berufung im Beruf.

Integrale Welten

Wie kann nun Wilber's Theorie von Allem konkret und praktisch angewandt werden in der realen Welt? Gemeinsam mit einer Vielzahl von Menschen arbeitet Wilber im neu gegründeten Integral Institute daran, die Ansätze 'Alle Quadranten-Alle Ebenen' und Spiral-Dynamik in den Bereichen Politik, Medizin, Wirtschaft, Erziehung, Bewußtseinsstudien, Spiritualität, Ökologie anzuwenden.

Integrale Politik und Spiritualität

Wie könnte eine integrale Politik - Alle Quadranten, Alle Ebenen - aussehen, welche das Beste der verschiedenen Lager vereinigt?

Wilber charakterisiert die großen Strömungen Konservativ und Liberal folgendermaßen: Liberale glauben an äußerliche Verursachung, Konservative an innere Verursachung. Wenn ein Individuum leidet, liegt das für den Liberalen an äußeren sozialen Gegebenheiten, die durch Interventionen verändert werden müssen; für den Konservativen liegt es an inneren Gründen (z. B. Faulheit), so daß Familienwerte, Eigenverantwortung, Moral und Arbeitsethik gefragt sind. Der erste Schritt einer integralen Politik, die das beste beider Traditionen vereint, würde erkennen, daß sowohl die äußeren wie die inneren Quadranten gleichermaßen wichtig sind.

Der zweite Schritt wäre, die Entwicklungsebenen zu berücksichtigen. Die konservative Ideologie wurzelt im konventionellen, mythischen, soziozentrischen blauen Meme; mythische religiöse Grundlage, Familienwerte, Patriotismus, Aristokratie, Hierarchie, mit einer Neigung zu Patriarchat und Militarismus. Der Konservativismus hat seine Wurzeln in mythisch-ackerbaulichen Werten: Er ist städtisch, hierarchisch, aristokratisch, ethnozentrisch und hängt einem mythisch-fundamentalistischen Glauben an einen patriarchalischen Gott an. Diese Kultur herrschte im Westen bis zur Aufklärung.

Der moderne Liberalismus entstand mit der rationalen Aufklärung und teilt deren rational-industrielle Werte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die große Stärke des Liberalismus liegt in der Bekräftigung der individuellen Rechte des Menschen, seine große Schwäche in seiner krassen Scheu vor dem GEIST. Eine der Stärken des Konservativismus andererseits ist seine Hinwendung zum GEIST; eine seiner Schwächen liegt darin, daß dieser GEIST fast immer prärational, mythisch, fundamentalistisch und egozentrisch ist.

Mit dem Aufkommen der Moderne wurden - gegen den Widerstand der Kirche - erstmals Kunst, Ethik und Wissenschaft (die Bereiche von Ich, Wir und Es, oder das Schöne, Gute und Wahre) voneinander differenziert und unterschieden, mit dem Ergebnis, daß viele religiöse Mythen wissenschaftlich als solche entlarvt wurden. Seitdem stehen Religion und Wissenschaft auf Kriegsfuß, gestehen sich bestenfalls 'nichtüberlappende Hoheitsgebiete zu.

Die rationale Aufklärung verwarf in ihrem Kampf gegen Nicht-Rationalität mit der blauen, prärationalen Religion auch alle transrationalen Formen von Religion, ein Kampf, der bis heute andauert. Wenn beide Seiten ein wenig nachgeben könnten, würde dies eine postliberale Spiritualität ermöglichen, welche die Vorzüge der weltzentrischen Aufklärung einbezieht und sich nicht auf mythische Mitgliedschaft und vorgeschriebene Moral zurückzieht.

Wilber zeigt auf, wie ein erweitertes Verständnis wissenschaftlichen Vorgehens auch auf transpersonale Erfahrungen angewandt werden kann: Durch spirituelle Praxis (z.B. Meditation) eigene Erfahrungen sammeln, und sich dann darüber mit erfahrenen Praktikern austauschen. Religion müßte sich auf wissenschaftliche Überprüfung einlassen, und sich wahrscheinlich auf einen spirituellen Kernbereich zurückziehen, der Praktizierenden ermöglicht, reale, eigene Erfahrungen im transpersonalen Bereich zu erleben. Solch eine Tiefenspiritualität beinhaltet eine weite Wissenschaft von den höheren Ebenen menschlicher Entwicklung.

Es kommt also darauf an, von beidem das Beste zu nehmen, das heißt individelle Menschenrechte und eine spirituelle Orientierung, indem man liberale humanistische Werte in einem transrationalen, nicht prärationalen GEIST aufzufinden versucht. Eine solche Spiritualität wäre transliberal, evolutionär und progressiv, statt präliberal, reaktionär und regressiv. Ziel muß es sein, die rechtlichen, politischen und bürgerlichen Freiheiten des modernen Westens als schützende Plattform zu nutzen, auf der eine transformierende spirituelle Verwirklichung (und das damit verbundene Mitgefühl) gedeihen können.

Die Aufklärung - postkonventionell, weltzentrisch, Orange - brachte die Ideologie des Liberalismus, die Suche nach einer Identität jenseits von Ethnozentrismus auf der Grundlage von Rationalität und Wissenschaft. Menschenrechte bekämpfen Sklaverei, Demokratie bekämpft Monarchie, das autonome Ego bekämpft Herdenmentalität, Wissenschaft bekämpft Mythos. Andererseits entstand Liberalismus in einem kulturellen Klima von Flachland, in dem nur die äußeren Quadranten als real gesehen werden (in Abbildung 1 die Quadranten oben rechts und unten rechts); die inneren Quadranten mitsamt ihren Entwicklungsstufen werden ignoriert, damit werden Werte und Sinn den Konservativen überlassen.

Konservativ ist somit die gesunde Version einer niedrigeren Ebene (Blau), Liberal die defizitäre Version einer höheren Ebene (Orange); und integrale Politik würde nicht versuchen, alle Beteiligten auf eine bestimmte Ebene zu holen, sondern die Gesundheit der gesamten Spirale auf allen Ebenen zu sichern.

Die dritte politische Kraft, die Grünen, verkörpern das grüne Mem: Selbstbestimmung, Pluralismus, Menschenrechte, Befreiungsbewegungen. Es ist daher naheliegend und folgerichtig, daß die Grünen sich nicht auf Ökologie beschränken, sondern auch Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Frieden, Entwicklung, Globalisierung und andere Themen abdecken.

In dieser Haltung eines universellen Pluralismus ist man wirklich multikulturell und postkonventionell. Das Problem ist nur, daß die meisten Menschen, denen man diese universelle Haltung entgegenbringt, diesen Universalismus nicht teilen. Sie sind nach wie vor zutiefst egozentrisch oder ethnozentrisch. Man bringt also für Menschen ein universelles Entgegenkommen auf, die dies durchaus nicht mit derselben Zuvorkommenheit vergelten. (Dies ist für fest im grünen Mem Verwurzelte schwer zu verstehen, weshalb sie roten Fundamentalisten und Terroristen am liebsten Sozialarbeiter, Kerzen und Friedensgesänge entgegensetzen, und militärische Interventionen - Blau - strikt ablehnen.)

Kein anderes Mem hatte so große Schwierigkeiten, den Terroranschlag des 11. September zu verstehen und einzuordnen: Ein großer Teil des grünen Mem beschuldigt Amerika, für alle Probleme der Dritten Welt, oder sogar der ganzen Welt, verantwortlich zu sein. Darüberhinaus geht Grün davon aus, daß alle kulturellen Werte grundsätzlich gleich gut sind, daß es keine Kulturen gibt, die besser oder schlechter als andere sind: Egalitärer Pluralismus. Andererseits sind alle nicht-westlichen Kulturen irgendwie doch besser als die westliche Zivilisation, auch wenn die pluralistische postmoderne Haltung nur in der westlichen Kultur entsteht.

Für Menschen, die die hegemoniale, patriarchale, kapitalistische, kolonialistische und imperialistischen Verbrechen des Westens gegenüber den paradiesisch lebenden, freiheitsliebenden Menschen der vormodernen Welt verurteilen, ist es schwer zu erfassen, daß eine vormoderne Stammeskultur etwas getan hat, was zutiefst verwerflich ist und sehr böse aussieht. Das eigene Wertesystem gerät durcheinander: Die westliche Zivilisation, bisher Täter, ist auf einmal in der Opferrolle, und Opfer sind definitionsgemäß unschuldig und gut. Die nicht-westliche Stammesmentalität, die bisher alles repräsentierte, was gut war, vom Edlen Wilden bis zur unterdrückten Kultur, gerät auf einmal in die Nähe eines bösen Täters.

Überspitzt formuliert: Egalitärer Pluralismus postuliert, daß es keine Werte gibt, die es erlauben, Kulturen mit einander zu vergleichen, so daß eine Kultur besser bewertet wird als eine andere (dieser Standpunkt ist jedoch in sich selbst widersprüchlich, denn er beinhaltet selbst eine Wertung, und zwar die, daß es keine Wertungen geben soll). Der Westen nach der Aufklärung versucht imperialistisch seine Werte anderen, unschuldigen Kulturen aufzudrücken. Alles, was westlich ist, ist daher schlecht, alles was nicht-westlich ist, gut. Daraus folgt, daß die Dekonstruktion der westlichen Zivilisation (und ihrer Symbole) eine ehrenwerte Tätigkeit ist. Grün's romantische Lieblingsidee ist die Glorifizierung präkonventioneller Stammesmentalität, wie die der Taliban, ein Stamm Edler Wilder, frei vom Joch der Aufklärung oder schrecklicher Newtonscher Paradigmen. Egalitärer Pluralismus, der keine Unterscheidung macht zwischen Kulturen, wird damit durch das Bereitstellen ideologischer Legitimation zu einem Wegbereiter unter anderen für terroristische Attacken gegen die westliche Zivilisation.

Die andere Reaktion von Grün, die sensible und mitfühlende Seite, steht in der Tradition von Martin Luther King's Aussage: "Gewalt vergrößert Haß. Gewalt mit Gewalt zu vergelten vervielfacht Gewalt. Haß kann nicht mit Haß ausgetrieben werden; nur Liebe kann das." Leider ein großer Irrtum: Fast alle Diktaturen wurden nur durch überlegene militärische Kraft beendet. Es ist die Weigerung von Grün, Blau als zähmende Kraft von Rot zu akzeptieren, die von Orange und Blau als naiv und weltfremd kritisiert wird (eine Weigerung, die möglicherweise aus dem eigenen unabgeschlossenen Reifungsprozeß, rote Impulse zu bändigen, motiviert ist).

Die Fähigkeit zu einem postkonventionellen und weltzentrischen Pluralismus ist eine sehr seltene, sehr elitäre Haltung, die aber gerade dies von sich weist, die den Entwicklungsprozeß dorthin vernachlässigt. Das Ergebnis dieser Entwicklung wird auf Menschen ausgedehnt, die selbst durchaus noch nicht zu dieser Haltung gelangt sind und daher nichts dabei finden, diese schöne universelle pluralistische Haltung als Fußabtreter zu benutzen. Die 'Multikultis' sagen daher logischer-, aber irrigerweise, daß man alle Menschen und alle kulturellen Bewegungen völlig gleich behandeln muß, weil keine Haltung besser ist als andere. Nur können sie dann nicht erklären, warum man dann einen Bogen um Nazis oder um den Ku-Klux-Klan machen sollte. Die Antwort ist natürlich: Nein, nicht alle Haltungen sind gleich. Weltzentrisch ist besser als ethnozentrisch, und dieses ist besser als egozentrisch, weil dies jeweils Stufen zunehmender Tiefe sind.

Das Unbehagen der Grünen gegenüber Entwicklungshierarchien gründet in der generellen Ablehnung von Hierarchien als patriarchalisch, unterdrückend, mißbrauchend usw. Tatsächlich gibt es Hierarchien, die diesen Kriterien entsprechen: Die höheren Ebenen unterdrücken die unteren Ebenen. Dies ist jedoch ein Kennzeichen pathologischer Hierarchien und gilt nicht für Hierarchien per se; der ganze Kòsmos besteht aus Hierarchien bzw. Holarchien. Herrschaftshierarchien sollte man bekämpfen - Entwicklungshierarchien sollte man anerkennen und nutzen. Das Problem ist nicht Hierarchie an sich, sondern der Mißbrauch von Hierarchie bzw. die unzureichend entwickelte Persönlichkeit der Menschen an der Spitze der Hierarchie - ob nun weiblich oder männlich. Die Grünen sind eine Avantgarde, eine Elite, die ihr Elite-Sein nicht wahrhaben will.

Als politische Stimme des grünen Mem haben die Grünen Lösungsansätze für einige der drängendsten Herausforderungen entwickelt. Grüne Politik ordnet sich neben liberal und konservativ als dritte Kraft in die Spirale ein. Der nächste Schritt wäre das gelbe Mem: Die ganze Spirale fördern, je nach Situation das am besten geeignete Mem aktivieren. Am Beispiel Afghanistan: Um die zerstörenden Kräfte von Purpur und Rot zu bändigen braucht es Blau (Polizei und Militär, sowie eine Ordnung, die Sicherheit gibt; der König ist dafür eine ideale Verkörperung), Orange (wirtschaftliche und technologische Entwicklung, unabhängige Medien) und darauf aufbauend Grün (Menschenrechte, Frauenbefreiung). Vor allem braucht es aber Politiker, die aus Gelb heraus handeln, d.h. aus dem Bestreben, die Gesundheit der ganzen Spirale zu fördern, je nach Bedarf Blau, Orange oder Grün, ggf. auch Purpur oder Rot zu handeln, anstatt sich mit anderen Memen darüber zu streiten, wessen Perspektive die Richtigere ist. Die Gesundheit der ganzen Spirale ist die Hauptdirektive, nicht die Bevorzugung irgendeiner Ebene. Führende Politiker der Grünen machen erste Schritte im gelben Mem, sehr zum Mißfallen vieler Parteimitglieder, die den Verrat grüner Prinzipien wittern; wenn die Grünen aber diesen Schritt versäumen, werden sie in absehbarer Zeit von einer neuen politischen Kraft überholt werden.

Fallstricke und Sackgassen

Wilber's Landkarte gibt uns die Möglichkeit, zwischen authentischer Spiritualität und psychischer Regression zu unterscheiden: Beides ist nicht-rational und nicht-personal, aber nur eines davon ist tatsächlich transpersonal. Regression im Sinne einer heilenden Abwärtsspirale kann durchaus sinnvoll sein, um festgehaltene Lebensenergie für persönliches und spirituelles Wachstum nutzbar zu machen (dies ist das Ziel guter Psychotherapie), darf aber nicht mit Spiritualität verwechselt werden.

Das Gleiche gilt für den Unterschied zwischen Transformation und Translation: Während Transformation die vertikale Bewegung darstellt, mit der das Selbst-System (anhand verschiedener Entwicklungslinien) von Ebene zu Ebene emporsteigt, stellt Translation die horizontale Bewegung dar, bei der sich das Selbst auf einer Ebene ausbreitet und etabliert. Sich auf einer Ebene fest zu verankern kann z.B. aus beruflichen Gründen sinnvoll sein, ist aber ebenfalls nicht mit Spiritualität zu verwechseln. Vieles, was esoterisch ist (Reiki, Tarot, Astrologie, …) ist translativ, nicht transformativ, und trägt zu spiritueller Entwicklung bestenfalls nur soweit bei, daß die Wahrscheinlichkeit eines Durchbruchs steigt. Das Ego wird durch (esoterische) Translation gestützt und gestärkt, was zunächst eine notwendige Voraussetzung ist um in der Welt zu existieren; wirkliche authentische Spiritualität dagegen tröstet nicht, sondern zerschmettert, macht das Ego nicht zufrieden, sondern richtet es zugrunde.

Und in der Betonung des individuellen Ich sieht Wilber das größte Hindernis für den Aufstieg von Grün nach Gelb: Weil die Baby-Boomer-Generation der 60er Jahre Individualismus und Pluralismus schätzt, existiert hier ein hohes Maß an Selbstbezogenheit und Narzißmus, ein exzessives, egozentrisches Interesse an sich selbst, an der eigenen Bedeutung und Fähigkeiten, sowie ein Unterbewerten der Anderen und ihrer Beiträge. "Ich mach' mein Ding, und Du Deins", und "Sag' mir nicht, was ich tun soll!" lauten die populären Zusammenfassungen dieses Standpunkts, den Wilber 'Boomeritis' nennt.

Boomeritis ist eine Mischung aus hoher kognitiver Kapazität, Kreativität und Gerechtigkeitssinn (das grüne Mem und ehrenwerter Pluralismus), gepaart mit niederem emotionalen Narzißmus, was u.a. dazu führt, daß das empfindsame Selbst in seinem ehrlichen Bestreben anderen zu helfen seine eigene Bedeutung völlig übertreibt: "Wir kennen das neue Paradigma, das die ganze Welt transformieren wird, wir retten Gaia, den Planeten und die Göttin, wir revolutionieren die Gesellschaft in einem noch nie dagewesenem Ausmaß …". Weil der Narzißmus keine andere Wahrheit gelten lassen will als seine eigene, und mit der Bekämpfung von Blau seine eigenen Grundlagen zerstört, ist diese Kombination aus Pluralismus und Narzißmus eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einem integralen Standpunkt.

Wie also kommen wir weiter? Wir werden zu den inneren Quadranten, zum Wachstum der Seele gehen, zum Wachstum von Weisheit, von Bewußtsein, einem inneren Wachstum in den linksseitigen Quadranten, das mit dem rechtsseitigen Wachstum der Technologien Schritt halten kann. Der Quantensprung im Bewußtsein wird wie alle früheren Transformationen in den Herzen und im Geist jener einzelnen angebahnt, die selbst den Evolutionsschritt zum zentaurisch-globalen Bewußtsein tun. Diese Einzelnen schaffen mit ihrer neuen Sicht der Welt ein kognitives Potential, das allmählich in die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen einsickert, bis das zuvor als Randerscheinung eingeschätzte neue Weltbild selbst institutionell verankert ist und dieser Hebel ihm erlaubt, das kollektive Bewußtsein auf eine neue Stufe zu heben. Von Grün nach Gelb? Ob Joschka mitkommt, wissen wir nicht. Aber wir, das kulturell-kreative Fußvolk, machen uns schon mal auf den Weg.


Literatur

Wilber, Ken: 'Ganzheitlich Handeln' und 'Integrale Psychologie', beide Arbor Verlag, 2001

Informationen zum Arbeitskreis Ken Wilber: info(at)integralesforum.org

Autor: Max Peschek, Körperpsychotherapeut, Trainer für Persönlichkeitsentwicklung und Tangolehrer; Vater von drei Kindern. Sie erreichen den Autor unter: peschek.max(at)t-online.org.

Graphiken: Aus Ganzheitlich Handeln
Abbildung 1 = Diagramm 3, Seite 56: Vier Quadranten;
Abbildung 2 = Diagramm 5, Seite 59: Die Holarchie der Entwicklung
Abbildung 3 = Diagramm 1, Seite 20: Spiral Dynamik;
Abbildung 4: Gegenüberstellung Ebenen der Bewußtseinsentwicklung nach Wilber und Spiral-Dynamik

Max Peschek
eMail: peschek.max(at)t-online.de