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Offener Brief des Vorstands

Organisationsreform: mehr Transparenz und Standards, mehr Beteiligung und Verantwortung auf allen Ebenen

11.08.2008

Liebe Freunde des Integralen Forums,
liebe aktive Mitglieder,
liebe Fördermitglieder,

es gab in der Vergangenheit vielfach die Rückmeldung an den Vorstand, dass das Integrale Forum eine nach außen hin zu wenig transparente und offene Struktur ist. Viele Fördermitglieder fühlten / fühlen sich in ihrem Einsatz für die gemeinsame Sache zu wenig gesehen, anerkannt und unterstützt. Sie wollen stärker partizipieren und Verantwortung übernehmen, fühlen sich aber außen vor.

Bei unserem letzten Treffen der aktiven Mitglieder am 15./16. Juni in Frankfurt wurde diese Frage umfassend diskutiert und eine Reform der Organisationsstrukturen eingeleitet.
Um zu verstehen, wo wir stehen und wo wir hinwollen, ist es wichtig anzuschauen, woher wir kommen. Deshalb folgt zunächst ein kurzer Rückblick auf unsere Organisationsgeschichte.

Vom Zundel-Seminar zum „ArbeitsKreis Ken Wilber“ in der DTG

Die Vorform des IF wurde aus der Taufe gehoben von engagierten Wilber-FreundInnen, die sich 1998 zu einem Seminar, damals veranstaltet von Edith Zundel, zusammenfanden. Diese Menschen gründeten in ihren Regionen Gesprächskreise, regionale Gruppen, in denen man sich (endlich mal) mit Gleichgesinnten über Wilbers Arbeiten austauschen konnte. Da man eine Plattform für diese emergierende Organisation brauchte, siedelte man sich als „AK Ken Wilber“ in der Deutschen Transpersonalen Gesellschaft (DTG) an. So konnten die bestehenden Vereinsstrukturen, quasi als Mutterkuchen, genutzt werden. Das Kind wuchs rasch, um in diesem Bilde zu bleiben, die DTG bekam einen dicken Bauch und es war klar, dass das Kind eines Tages geboren werden würde.

E-Gremium – die Gründerzeit

EGremium, Herbst 2007

Die GründerInnen der regionalen Wilber-Gruppen trafen sich  mehrfach jährlich, um sich auszutauschen, sich zu entwickeln und die Ziele der Organisation festzulegen. Ein Vorstand führte den Arbeitskreis zwischen den Sitzungen des damaligen E=Entscheidungsgremiums. Mit dem Wachstum der Organisation wurde deutlich, dass das E-Gremium als höchstes Führungsgremium der Organisation nicht mehr tauglich wäre, wenn die Leiter aller neuen Gruppen dort repräsentiert würden. Das Gremium wäre zu groß, um handlungswirksame und operative Entscheidungen treffen zu können.

Die Frage, wie kann eine wachsende und lernende integrale Organisation geführt werden, so dass Kompetenz, Transparenz, Beteiligung und Verantwortung gefördert werden, und eine Veränderung der Organisationsstruktur standen an.

Es gab aber weder ein gutes Modell dafür, an dem man sich orientieren konnte, noch war das Bewusstsein reif dafür. Verschiedene Versuche wurden unternommen, um zu klären, wer nach welchen Kriterien bei welchen Entscheidungen zu berücksichtigen war. Wer „drin“ war, fühlte sich in der glücklichen Situation einem kompetenten Gremium von Menschen mit Second-Tier Bewusstsein anzugehören, dass sich in einer geradezu schicksalshaften Konstellation formiert hatte. Dabei zu sein adelte und schmeichelte den Beteiligten manchmal mehr, als das Interesse und die Demut für die Lösung der Frage, wie sich eine integrale Organisation lernend entwickeln kann. Hier müssen wir unseren Schatten aufrichtig betrachten – vor allem die Haupt-Pathologie von Second Tier: Arroganz und falsch verstandener Elitarismus.

Organisation in den Wehen: Integrales Forum als gemeinnütziger Verein

Als sich der Arbeitskreis Ken Wilber aus der DTG selbstständig machte, wurde ein gemeinnütziger Verein gegründet – mit Fördermitgliedern und aktiven Mitgliedern.

Fördermitglieder unterstützen die Ziele des Vereins finanziell und gelegentlich auch aktiv, sie erhalten kostenlos viermal im Jahr die Zeitschrift „integrale Perspektiven“, einen regelmäßigen Newsletter, Vergünstigungen bei allen Seminaren und Veranstaltungen und das Recht, an Mitgliederversammlungen (ohne Stimmrecht) teilzunehmen.

Als aktive Mitglieder sollten diejenigen aufgenommen werden, die sich nachhaltig mit der integralen Philosophie auseinandergesetzt haben und sie aktiv in ihrem eigenen Leben und in der Arbeit des integralen Forums umsetzen wollen.

Die Grundüberlegung war die, dass über die Ziele des Vereins nur diejenigen entscheiden sollen, die diese Ziele verstanden haben und sich dafür einsetzen: durch die Leitung von Integralen Salons oder Fachgruppen, durch Aktivitäten in der Redaktion, bei Fortbildungen oder Arbeitskreisen.

Die nach diesen Kriterien ermittelten aktiven Mitglieder wählen den Vorstand, der dann zwischen den Wahlperioden die Organisation führt.

Trotz dieser organisatorischen Reform blieb das Verhältnis zwischen dem ursprünglichen E-Gremium, der Mitgliederversammlung und dem Vorstand nicht wirklich geklärt.

Das alte E-Gremium blieb trotz Vereinsgründung weiter bestehen und wurde zu einer Art Ersatzmitgliederversammlung mit gleichzeitigem Anspruch, alle Vorstandsaktivitäten mit zu gestalten (zusätzlich implizit auch noch die individuelle Entwicklung der Teilhaber zu fördern), was die operative Arbeit in einer wachsenden Organisation ziemlich erschwerte.

Holacracy, oder: das Integrale Forum auf dem Weg zu einer lernenden Organisation

Seit 2006 ist in der integralen Szene ein neuartiges Organisationsmodell in aller Munde: die Rede ist von „Holacracy“, bzw. Holakratie, das seine Wurzeln in der niederländischen Soziokratie hat und massgeblich von dem Amerikaner Brian Robertson in dessen Software-Firma Ternary entwickelt, erprobt und verfeinert wurde. In vielen Elementen von Holacracy sehen wir die Lösung für viele der Probleme, die wir mit den bisherigen Strukturen erlebt haben.

Holacracy arbeitet mit einer Holarachie miteinander verbundener Kreise, die jeweils ein Führungsglied und ein Repräsentativglied haben, das für den top-down, bzw. bottom-up Informationsfluss zuständig ist. Es ermöglicht uns, das bisherige E-Gremium sinnvoll durch einen an Teilnehmerzahl reduzierten, erweiterten Vorstand zu ersetzen. Gleichzeitig bekommen die Regionalgruppen bzw. Integralen Salons einen eigenen Kreis mit einer Leitung und einem Repräsentanten, die an den Sitzungen des erweiterten Vorstands und an den Sitzungen des Integralen Salon-Kreises teilnehmen. Sie bilden die für Holacracy typische Doppelverbindung zwischen zwei Ebenen der Fokussierung.

Dasselbe Modell gilt für die Fachgruppen, deren Leiter einen eigenen Kreis mit Führungs- und Repräsentativglied bilden. Auch hier besteht eine Doppelverbindung zum erweiterten Vorstand.

Salon-Kreis und Fachgruppen-Kreis sind auf derselben Ebene der Fokussierung, behandeln aber jeweils ihre eigenen spezifischen Fragen. Auch die regionalen Salons haben die Möglichkeit, dem bestehenden Leiter einen Repräsentanten aus ihrer Mitte an die Seite zu stellen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Interessen auf der höheren Ebene des Salon-Kreises vertreten werden sollten.

Eine neue holakratische Struktur für das IF

Mehr stimmberechtigte aktive Mitglieder durch Satzungsänderung

In diesem Modell gelten alle Leiter und alle Repräsentanten als aktive Mitglieder und können auf der, gemäß Vereinsrecht, demokratisch organisierten Mitgliederversammlung ihr Stimmrecht ausüben. Allein durch diese Regelung steigt die Summe der aktiven Mitglieder um mindestens das Doppelte. Im Zuge einer weiteren Öffnung ist geplant, der bisherigen Satzung zwei Passagen, etwa im folgenden Wortlaut hinzuzufügen:

§4 (7) Wer als nicht stimmberechtigtes Fördermitglied in den Status der aktiven Mitgliedschaft übergehen möchte, kann dies unter Nennung der im Vereinssinne relevanten Tätigkeiten beim Vorstand beantragen. Diese Tätigkeiten sind in der Geschäftsordnung definiert. Der Vorstand bestätigt die aktive Mitgliedschaft evtl. unter Rücksprache mit anderen aktiven Vereinsmitgliedern oder dem erweiterten Vorstand. Ein Rechtsanspruch auf Anerkennung als aktives Mitglied besteht nicht.

§4 (8) Lehnt der Vorstand den Antrag unter Angabe seiner Gründe ab, so hat der Antragssteller die Möglichkeit, sein Anliegen dem erweiterten Vorstand vorzulegen. Der erweiterte Vorstand ist berechtigt, die Entscheidung des Vorstandes zurückzunehmen und das Fördermitglied in den Status der aktiven Mitgliedschaft zu versetzen. Ein Rechtsanspruch auf Aufnahme besteht jedoch nicht.

Die grundsätzliche Unterscheidung in aktive und Fördermitglieder wollen wir aus Gründen der Kompetenzsicherung beibehalten. Der Anspruch, nur Menschen mit einem hinreichenden Verständnis von AQAL ins Boot – und letztlich mit ans Ruder - zu lassen, bleibt bestehen. Dies ist ein authentischer Ausfluss aus einem integralen Verständnis von Entwicklung und Angemessenheit. Wir denken nicht auf naive Weise, dass jeder alles entscheiden sollte –  geschweige denn kann. Wer mehr Erfahrung und Überblick hat, soll mehr entscheiden und zugleich Verantwortung für diese Entscheidungen tragen. So entsteht ein System von Mitbestimmung und Mitverantwortung auf allen Ebenen der Organisation – auf Basis der AQAL-Standards.

Gleichwohl wollen wir den Fördermitgliedern einen Weg eröffnen stärker zu partizipieren, sofern sie es denn wollen. Durch die Ernennung, bzw. Wahl von Leitern, bzw. Repräsentanten über mehrere Ebenen hinweg, gehen wir davon aus, dass der erweiterte Vorstand – als Destillat daraus – eine Versammlung von integral kompetenten und engagierten Menschen sein wird, die den Verein gut leiten kann. Dass man sich bei Ablehnung eines Antrages um aktive Mitgliedschaft an ihn wenden kann, stellt sicher, dass gegenüber einer mutmaßlichen Fehlentscheidung des Vorstands Korrektur- und Einspruchsmöglichkeiten bestehen.

Entsprechend des gegenwärtigen Vereinsrechts bleibt die Regelung, dass die Versammlung der aktiven Mitglieder den Vorstand wählt – obwohl es im holakratischen Modell nicht in dieser Weise vorgesehen ist, dass die unterste Ebene direkt die oberste Ebene wählt. Um so wichtiger erscheint dem Vorstand, die Anträge auf stimmberechtigte Mitgliedschaft gut zu prüfen, so dass möglichst sicher gestellt ist, dass stimmberechtigte Mitglieder Kompetenzhierarchien aus integraler Sicht heraus verstehen, anerkennen und dementsprechend in der Lage sind, einen adäquaten Vorstand zu wählen.

Ergebnisse des Treffens des „E-Gremiums“ in Frankfurt vom 14.-15. Juni

Beim letzten Treffen des E-Gremiums wurden viele der oben beschriebenen Unzulänglichkeiten auf den Tisch gebracht. Bemängelt wurde unter anderem die undurchsichtige  Informationspolitik des E-Gremiums und des Vorstands gegenüber den Fördermitgliedern – ein Resultat der oben beschriebenen Schatten des E-Gremiums und des Vorstands: Angst und Überheblichkeit.

Sie sind daher auf der nächsten Sitzung des Vereins (voraussichtlich im Vorfeld zur spirituellen Herbstakademie in Frankfurt) herzlich eingeladen dazu zu kommen und sich über die vereinspolitischen Entscheidungen ein Bild zu machen, mit allem was dazugehört: Berichte, Protokoll, Wahl der Vereinsorgane, Finanzen, Haushaltsplan, etc. Zudem sollen sie künftig in vierteljährlichen Berichten des Vorstands über die Vereinsaktivitäten besser über die aktuellen Fragen auf dem Laufenden gehalten werden. Seit Mai veröffentlichen wir einen regelmäßigen Newsletter, mit dem Sie sich über die Tätigkeiten des Integralen Forums und der integralen Szene informieren können.

Zusammenfassung

Wir haben einen weiten Weg hinter uns und dabei vieles geschafft: Eine Organisation mit 200 aktiven Mitgliedern und Fördermitgliedern, eine hervorragende Webseite mit mehreren hundert Zugriffen täglich, eine vierteljährliche Zeitschrift, 19 Salons, regelmäßige Fortbildungen und Veranstalten. In den 10 Jahren sind wir Anlaufpunkte für alle Menschen geworden, die an integralem Wissen und Austausch interessiert sind. Damit wir auch in Zukunft eine gute Strecke gemeinsam zurücklegen können, wollen wir uns als Verein der Kraft der Evolution anvertrauen, unsere Schatten-Aspekte verstehen und integrieren und mutig die nötigen strukturellen Wandlungen angehen. Für einen holakratisch strukturierten Verein gibt es unseres Wissens bisher keine Vorbilder- wir übernehmen somit eine undankbare Pionier-Rolle – in dem Vertrauen, dass wir als lernende Organisation der Stimme der Realität lauschen werden können.

Wir werden:

  • uns unseren verdrängten Schattenanteilen zuwenden
  • die Informationspolitik des Vereins durch regelmäßige Berichte des (erweiterten) Vorstands für Fördermitglieder und durch deren Einladung zu öffentlichen Versammlungen des Vereins transparenter gestalten
  • die Satzung ändern, um mehr Wege der Partizipation zu öffnen
  • eine holakratische Struktur implementieren, um
    • das E-Gremium durch einen erweiterten Vorstand zu ersetzen
    • top-down und bottom-up Informationskanäle zu öffnen
    • mehr aktive Mitglieder qua Delegation ins Boot zu holen
    • Pionierarbeit mit einem integralen Organisationsmodell zu leisten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

11.08.2008

- Der Vorstand

(Dennis Wittrock, Sonja Student, Hilde Weckmann)

P.S.: Das vollständige Protokoll der letzten Versammlung der aktiven Mitglieder ("EGremium") in Frankfurt vom 14.-15.06.08 kann auf Anfrage beim Vorstand von jedem Mitglied angefordert werden.